Story:
Die Betreiberinnen des Berner Restaurants Malso sagen der SVP-Fraktion der Stadt Bern das reservierte Weihnachtsessen ab. Nachdem 20 Minuten darüber berichtet, gehen auf dem Google My Business Eintrag der Gaststätte in kürzester Zeit zahlreiche schlechteste, aber auch beste Bewertungen ein.
Einschätzung:
Die grosse Zahl der Bewertungen könnte auf die Berichterstattung von 20 Minuten, aber auch auf eine orchestrierte Kampagne erboster User zurückzuführen sein. Die Tatsache, dass ausgesprochen viele der Bewertenden erst eine einzige Rezension abgegeben haben, legt zudem den Verdacht nahe, dass diese eigens für diesen Eintrag einen anonymen Account angelegt haben. Besonders infam sind derlei Bewertungen natürlich, wenn sie die schlechte Note nicht mit der Zutrittsverweigerung in Zusammenhang bringen, sondern die - offensichtlich nicht in Anspruch genommenen - Leistungen von Küche und Service bemängeln.
Corporate Social Responsibility führt auch hier dazu, dass sich Firmen – mit neuen Motiven – in die Politik einmischen. Das mag einige irritieren, ist aber wünschenswert.
Natürlich engagiert sich die Wirtschaft seit jeher in der Politik – in ihrem ureigenen Interesse. Ganze Parteien betreiben Wirtschaftsförderung, eigene Wirtschaftsverbände lobbyieren für gute Rahmenbedingungen. Wie viel Geld sie in die Politik investieren, ist ein gut gehütetes Geheimnis.
Neu ist, dass sich auch Firmen, die für ein hohes Mass an Corporate Social Responsibility (oder unternehmerische Sozialverantwortung) bekannt sind, in die Politik einmischen. Sie wollen damit ihre Vorreiterrolle in Nachhaltigkeit wahrnehmen und die träge Politik zu rascherem Handeln zwingen. So hat etwa IKEA zuletzt in den Abstimmungen zum Vaterschaftsurlaub, zum CO2-Gesetz und zur Ehe für alle Stellung bezogen und Kampagnen gefahren. Das hat mitunter für Kopfschütteln gesorgt, User enervierten sich in Sozialen Medien über vermeintlich scheinheiliges «Virtue Signalling».
Der Reflex ist falsch. Ich arbeite seit vielen Jahren für IKEA und habe erfahren, wie glaubwürdig und integer das Unternehmen seine Werte lebt. Es ist kein anonymes Gebilde, sondern eine Ansammlung von Menschen. Menschen, die sich um die Zukunft des Planeten sorgen. Menschen, die sich in ihrer Eigenschaft als Unternehmer dafür einsetzen, die Gegenwart zu verändern. Ich wünsche mir (und uns), dass es bald mehr solche Unternehmen gibt!
Seit Corona sind Fake News auch hierzulande ein virulentes Problem. Früh und laufend vermittelte Medienkompetenz und qualitative Informationsarbeit bieten aber Lösungen.
Natürlich entspricht es vielmehr einem Un-Trend, dass wir heute kaum mehr zu erkennen vermögen, welche News richtig oder falsch sind. Offensichtlich und zum veritablen gesellschaftlichen Problem ist dieser mit Covid-19 geworden: Ein Faktencheck wurde erst durch grassierendes Unwissen, dann mit der Verbreitung von konträren Expertenmeinungen immer schwieriger. Nur noch mit grossem Aufwand möglich wurde er aber, als vorsätzlich gefälschte Information vorweg über Soziale Medien und Messenger-Apps in Umlauf gerieten, um verschiedene Verschwörungstheorien zu begründen und zu legitimieren. Insbesondere lieferten sie den Nährboden dafür, dass wir heute nicht mehr das einig Volk von Brüdern und Schwestern sind.
Glücklicherweise hat das eben erschienene «Jahrbuch Qualität der Medien» etwas Hoffnung gespendet. Es erkennt zwar, dass Desinformation längst nicht mehr nur im Ausland, sondern auch hierzulande ein Problem ist – für viele Schweizer sogar ein sehr grosses. Im Vergleich zu anderen Ländern ist die Schweiz aber gegen Falschinformationen widerstandsfähiger. Zudem hat die Informationsarbeit der professionelle Qualitätsmedien, von Bund und den Behörden gut abgeschnitten. Der Grossteil der Bevölkerung nimmt denn auch sie in Anspruch, um Fake News auf ihren Wahrheitsgehalt zu überprüfen.
Story:
Eine Berner Kantonspolizist wird abgelichtet, als er sich - wie sich nachträglich herausstellt - Trycheln auf die Schulter legt, um deren Gewicht zu erspüren. Das Bild taucht kurz darauf auf Telegram und anderen Kanälen der Massnahmen-Gegner auf.
Einschätzung:
Erst die Bildlegende kann ein Bild mit einer Botschaft aufladen. Je nach Absender kann diese von "Als dein Freund und Helfer sucht die Polizei den Dialog mit der Bevölkerung" bis hin zu "Polizist macht an Demo mit und hinterfragt so die Obrigkeit" reichen.
Story:
Die Freidenker Vereinigung Schweiz lanciert mit einem Plakat von "Impfelix" den Abstimmungskampf zum Covid-Gesetz. Aber auch die Massnahmen-Gegner haben ihre Plakate angebracht.
Einschätzung:
Die Kampagne der Gegnerschaft ist relativ klassisch und bringt die bekannten Argumente. Im Vergleich dazu bedient sich die Mini-Kampagne mit dem "Freiheitsimpfler" einer grossen Portion Humor und Mutterwitz, was sie - im Umfeld einer emotionalen und oft wütenden Debatte - ausgesprochen sympathisch macht.
Story:
Der Berner Regierungsrat ist mit der Impfquote noch nicht zufrieden und plant eine neue Kampagne, um Unentschlossene für die Impfung zu gewinnen.
Einschätzung:
Die Behörden verbreiten mehrheitlich die Botschaft "Impf dich, um dich vor Covid und Long-Covid sowie deine Mitmenschen zu schützen". Sie ist denn auch gehört worden, wer sie als Motiv hatte, ist heute geimpft. Die 100'000 noch unentschiedenen Menschen werden also auf eine andere Botschaft hören. "Zurück in den Alltag" zu wählen und damit auf die wiedergewonnene Lebensqualität mit dem Zertifikat hinzuweisen, ist daher folgerichtig.
Unter der Leitung von Chefredaktor Markus von Känel diskutieren Stefan Herrmann und der Stadtberner Sicherheitsdirektor und Gemeinderat Reto Nause über die Demonstrationen der Corona-Massnahmen-Gegner.
Talk täglich vom 5. Oktober 2021 auf TeleBärn
Früher wachten Medienschaffende als «Gatekeeper» darüber, welche Nachrichten ans Publikum gelangen. Heute erreichen wir es direkt – oder indirekt – über Soziale Medien.
Roger Federer muss sich erneute einer Knieoperation unterziehen, Tom Lüthi beendet seine Moto-GP-Karriere. Beide Nachrichten sprangen dem Publikum in grossen Lettern von Titelseiten entgegen und erreichten es über Radio, Fernsehen und Nachrichtenportale. Beide Informationen haben die Athleten aber nicht vor zahlreichen Mikrofonen und Kameras abgegeben. Nein, sie haben dafür einzig einen Post auf Instagram abgesetzt.
Mit Sozialen Medien erreichen Informationsabsender heute ihre eigenen Follower oder eben Abonnenten eines Kanals direkt. So gelingt es ihnen auch, die Hürde des «Gatekeepers» zu überwinden. Sie umgehen also den Weg über die Massenmedien, auf dem die Medienschaffenden nach journalistischen Kriterien prüfen, welche Informationen überhaupt an die Öffentlichkeit gelangen und wenn, in welcher Form.
Weil Befragungen aber gezeigt haben, dass Medienschaffende heute Soziale Medien als wichtige Informationsquellen nutzen, ist über sie und ihre Medien auch der indirekte Weg ans Publikum möglich. Wie Federer und Lüthi nutzen Kommunikatoren diesen «zweiten Weg» heute ganz bewusst. Die amerikanische Botschaft in Bern etwa verzichtet konsequent auf Konferenzen oder Informationen für die Medien und adressiert sie – zusammen mit ihren Followern – einzig noch über die Sozialen Medien.
Lang nutzten Personaler Soziale Medien kaum oder allenfalls nur fürs Rekrutieren. Jetzt berichten sie übers eigene Schaffen und betreiben Imagearbeit fürs Unternehmen.
Verantwortliche für Human Resources sind traditionellerweise eher auf Diskretion bedachte Menschen. Lange Zeit hatten sie daher Selbstvermarktungsdefizite und noch viel Potenzial, offensiver aufzutreten. Dieses Potenzial haben ihnen nun die Sozialen Medien in die Hände gespielt: In spezifisch auf die Berufswelt ausgerichteten Plattformen wie LinkedIn oder Xing haben sie ein ideales Hilfsmittel gefunden, um ihrer Kernaufgabe nachzukommen und Personal zu rekrutieren.
Erst in jüngster Zeit haben die Personaler die Sozialen Medien (über die erwähnten Kanäle hinaus) für sich entdeckt, um über die eigene Arbeit zu berichten und um ein systematisches «employer branding» zu betreiben, also das eigene Unternehmen auf dem Arbeitsmarkt zu positionieren. Das soll dieses für Arbeitssuchende attraktiver machen – und ihnen letzten Endes so die eigene Arbeit erleichtern. Für diese Imagearbeit gelten die gleichen Gesetzmässigkeiten wie für die PR: Posts müssen Aufmerksamkeitshürden überwinden, also kontinuierlich gute und fürs Publikum relevante Inhalte liefern. Dafür müssen HR-Verantwortliche sich überlegen, welche Themen sie bespielen wollen und wofür sie stehen möchten. Dabei sind sie gut beraten, wenn sie sich für diese wichtige Aufgabe an die Kollegen aus der Unternehmenskommunikation wenden.
«Gendern» sorgt vielerorts für rote Köpfe. Etwas mehr Toleranz (wofür das Sternchen ja wirbt) und Pragmatismus würden helfen, zur üblichen Gesichtsfarbe zurückzufinden.
Spätestens seit Frankreich die gendergerechte Schriftsprache an Schulen verboten hat, ist der Streit um die «inklusive Schrift» wieder entbrannt. Gendern schade der Sprache, spalte die Gesellschaft und leiste dem Feminismus einen Bärinnendienst, argumentieren die einen. Gendergerechte Sprache sensibilisiere für die Vielfalt der Gesellschaft und mache nur Formulierungsvorschläge, entgegnen die anderen. Diese Vorschläge reichen denn auch von den berühmt-berüchtigten Sternchen, Doppelpunkten oder Unterstrichen über die «vollständige Beidnennung» bis hin zur «geschlechtsneutralen Umformulierung».
Wenn ich am SMI unterrichte, streife ich auch das Thema «Texten fürs Web». Weil die User im Internet nicht lesen, sondern nur scannen, sollen Autoren einen webgerechten Sprachstil verwenden: kurz, einfach, klar. Das Setzen von Sternchen oder Beidnennungen läuft diesem Bemühen meines Erachtens diametral entgegen: Nicht nur werden Texte so unleserlich und länger, sondern zum Teil auch für Screenreader unlesbar, schliessen also Menschen mit einer Sehschwäche aus. Ich rate meinen Studentinnen daher, im Impressum der Website einen Hinweis auf die Verwendung der inklusiven Schrift zu machen. Und auf den Seiten nach Möglichkeit abwechselnde Geschlechtsbezeichnungen zu verwenden. Wie es dieser Text auch tut.